Sieger Energie-Startup des Jahres 2013

Etogas

Etogas entwickelt, baut und verkauft Anlagen, die erneuerbaren Strom in Gas (Wasserstoff oder Methan) umwandeln. Die von Etogas entwickelte Power-to-Gas-Technologie sorgt dafür, dass fossile Energieträger durch „grüne Energie“ ersetzt werden können, wahlweise zur Stromerzeugung zu späteren Zeitpunkten, aber auch zur Mobilität oder zur Wärmeerzeugung. Etogas hat jüngst die weltgrößte Anlage dieser Art für Audi gebaut und in Betrieb genommen.

Wenn über die Energiewende debattiert wird, ist eine Frage zentral: Wie kann man den aus regenerativen Quellen wie Sonne und Wind erzeugten Strom gut und kostengünstig speichern. Mit Batterien? Über Pumpspeicherkraftwerke? Meist zu teuer und nicht überall machbar. Ein junges Unternehmen aus Stuttgart sieht die Lösung in „Power to Gas“ - der künstlichen Umwandlung des erzeugten Stroms in Methan.

Der Österreicher Gregor Waldstein startete 2007 ein Forschungsprojekt zur Treibstofferzeugung durch Recycling von CO2 an der Johannes-Keppler-Universität in Linz. Bald darauf wechselte er zum Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung (ZSW) nach Stuttgart. 2009 schließlich wurde aus Theorie Praxis: In Stuttgart ließ er eine 25 Kilowatt Strom aufnehmende Pilot-Anlage bauen und nahm sie in Betrieb. Das war die Basis, um aus dem Forscher einen Gründer zu machen. Seit 2010 sitzt Waldstein nur wenige Häuser neben der Anlage und treibt die Industrialisierung des „Power-to-Gas“-Konzepts voran. Unterstützt wird er dabei nicht nur von seinem Gründerpartner Karl Maria Grünauer, sondern auch von mittlerweile 30 Mitarbeitern. Ursprünglich hieß das Startup Solarfuel, 2012 wurde es in Etogas umbenannt.

Dass das geschäftliche Potenzial von Etogas und „Power to Gas“ im Zuge der Energiewende stark ansteigt, ist offensichtlich. Der Grund dafür ist eine simple Erkenntnis: Strom aus regenerativen Energiequellen wird dann erzeugt, wenn der Wind weht oder die Sonne scheint – und nicht wenn der Verbraucher den Strom nachfragt. Um das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage auszugleichen, bedarf es einer Speicherung des „grünen Stroms“, damit die geerntete Energie nicht verloren geht. Aktuell gibt es dafür kaum Infrastruktur: „Alle Strom-Speicher in Deutschland zusammengerechnet könnten unser Land heute für gerade einmal 30 Minuten mit Energie versorgen“ behauptet Gregor Waldstein. „Mit gespeichertem Gas aus transformiertem Strom könnte hingegen eine Versorgung für drei Monate sichergestellt werden“, glaubt der 50-jährige. „Das liegt daran, dass Kohlenwasserstoff sehr viel Energie binden kann. Nicht umsonst existieren zum Beispiel keine batteriegetriebenen Flugzeuge“, so Waldstein.

Etogas‘ Lösung für die Umwandlung von „grünem“ Strom in Gas basiert auf einer chemischen Photosynthese: Im ersten Schritt zerlegt der Strom in einem Elektrolyseverfahren Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff, wobei der Sauerstoff in die Atmosphäre entlassen wird. Der Wasserstoff wird in einem zweiten Schritt mit CO2-Molekülen verbunden, die aus einer Biogasanlage gewonnen werden. Aus dieser Verbindung entsteht Methan (CH4) – und zwar in solcher Güte, dass es direkt ins Erdgasnetz eingespeist oder als Treibstoff verwendet werden kann. Das Ganze ist CO2-neutral, denn aus dem Auspuff kommt letztlich nur die Menge an Kohlendioxid, die zuvor (von der Biogasanlage) aus der Atmosphäre gezogen wurde. Die Transformation von Strom auf Gas gelingt Etogas schon heute recht effizient, der Wirkungsgrad liegt über 60 Prozent. Auch die im Verfahren entstehende Abwärme kann verwendet werden, indem sie beispielsweise an die Biogasanlagen zurückgeführt wird.

Etogas sieht sich als Anlagenbauer für Industriekunden. Der erste Kunde kam aus der Automobilbranche: Audi. Für die Tochter des VW-Konzerns baute das Startup die größte „Power-to-Gas“-Anlage der Welt - mit 6,3 Megawatt Leistung. Damit können täglich 4.000 Kubikmeter Methan hergestellt werden. Die Anlage steht im Emsland und ging im September in Betrieb. Sie bezieht überschüssigen Strom aus den umliegenden Windparks und CO2 aus nahe gelegenen Biogasanlagen.

Warum Audi das Werk in Auftrag gegeben hat? Wie alle Automobilkonzerne müssen auch die Ingolstädter zunehmend auf ihren CO2-Ausstoß achten, den so genannten „carbon footprint“. Die Anlage von Etogas ermöglicht Audi, diesen „Fußabdruck“ zu reduzieren. Der Grund: Die neue Anlage liefert genug Treibstoff für den Betrieb von 1.000 gasgetriebenen Fahrzeugen – und die können dank der Erdgas-Herstellung von Etogas CO2-neutral fahren. Infrastruktur und Preis könnten dafür sorgen, dass dieser Wunsch auch Wirklichkeit wird. „Erdgas lässt sich an über 900 deutschen Tankstellen tanken und das zu einem derzeitigen Preis von durchschnittlich 1,10 Euro“, erklärt Gründer und Geschäftsführer Grünauer.1

Wasserstoff-Autos sind vor allem deshalb am Markt gescheitert, weil überhaupt keine Infrastruktur vorhanden war. Es gibt in Deutschland vielleicht 10 Tankstellen. Bei Elektroautos ist die Ladeinfrastruktur ebenfalls ein Problem“, so Grünauer.

Dank der Inbetriebnahme der „Power-to-Gas“-Anlage für Audi dürfte Etogas in diesem Jahr auf einen Umsatz von rund 18 Mio. Euro kommen. Noch im Dezember 2012 wurde eine zweite Kapitalrunde in Höhe von 6,8 Millionen Euro abgeschlossen, um die Industrialisierung der Anlagenproduktion voranzutreiben. Hauptinvestor war Aster Capital, der Venture Capital-Arm der französischen Großkonzerne Alstom, Solvay und Schneider Electric.

Am Ziel angekommen sehen sich die Gründer jedoch noch längst nicht. „Die jetzige Anlage war unsere Beta-Anlage“, sagt Grünauer. „Viele Teile haben wir noch dazukaufen müssen. Doch insbesondere der Markt für Elektrolyse ist bisher sehr klein. Wenn wir in Großserie bauen möchten und ab 2015 Anlagen bis 20 Megawatt Leistung an den Markt bringen wollen, müssen wir diese Teile langfristig selbst herstellen.“ Und Waldstein ergänzt: „Wir reden in Deutschland von einem Markt, der sich bis zum Jahr 2050 auf 40 Gigawatt belaufen wird, grob gerechnet also 40 Mrd. Euro Umsatz.“ Lachend schiebt er hinterher: „Wenn Etogas hiervon einmal zehn Prozent einnimmt, wäre wir beide also schon zufrieden.“

 

von Lukas Kirchner

 

Fotos: Andy Ridder


1 Gleichzeitig lässt es Audi auch nicht an fördernden Marketingmaßnahmen fehlen. Der Autobauer startete eine neue Flotte an gasgetriebenen Fahrzeugen und vermarktete sie unter dem Namen „e-gas“. Jeder Käufer bekommt eine „E-Gas-Kreditkarte“ mit der Garantie, dass die Menge des ausgestoßenen CO2 aus dem getankten Erdgas der Emsländer Anlage wieder der Atmosphäre entnommen wird – im Zuge späterer „Power-to-Gas“-Prozesse.

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