Sieger Energiehaus des Jahres 2013

M1 Haus

Ein ganz normales Einfamilienhaus aus weißen Ytong-Steinen, das mehr Energie produziert als verbraucht und gleichzeitig nicht wesentlich teurer ist als ein ganz gewöhnlicher Neubau. Das ist die Vision von Dieter Stricker, Prokurist der Firma Elbe-Haus. Mit mehreren Baupartnern hat er eine Projektgruppe ins Leben gerufen und bei Berlin einen Prototypen gebaut: Das M1 Haus. Seit Dezember 2012 ist es bezogen, binnen zwei Jahren soll daraus ein serienreifes Haus entstehen.

Ein ganz normales Einfamilienhaus aus weißen Ytong-Steinen, das mehr Energie produziert als verbraucht und gleichzeitig nicht wesentlich teurer ist als ein ganz gewöhnlicher Neubau. Realitätsfern? Reine Zukunftsmusik? Nicht wenn es nach Dieter Stricker geht. Der Prokurist des Bauunternehmens Elbe-Haus hat sich genau dies zum Ziel gesetzt.

 

Bereits 2009, als das Wort „Energiewende“ noch längst nicht in aller Munde war, begann Stricker zusammen mit dem M1 Projektteam, sich dieser baulichen sowie wirtschaftlichen Herausforderung anzunehmen. Von Anfang an war dabei klar, dass sich das definierte Ziel nur realisieren lassen würde, wenn alle an einem Bauprozess beteiligten Parteien an einem Strang ziehen. Stricker rief einen Arbeitskreis mit verschiedenen Baupartnern ins Leben. Darin unter anderem vertreten: das Duisburger Baustoffunternehmen Xella, das den bekannten Ytong-Stein produziert, der Wärmetechnikspezialist Multitherm, der Photovoltaikausrüster Multiwatt, das Architekturbüro Form Nord und das Bauplanungs- und Statikbüro Wolfgang Tomson. „Wir haben zuvor immer viel in der Theorie diskutiert, wie man energieeffizient baut“, sagt Stricker. „Aber schließlich wollten wir mal etwas praktisches machen“.

 

Das „praktische“ Resultat der Arbeitsgruppe trägt den knappen Namen M1 und ist seit Dezember 2012 im Berliner Vorort Brieselang zu besichtigen: Ein fast gewöhnlich anmutendes Einfamilien-Steinhaus mit 132 m² Wohnfläche und 830 m² Grundstücksfläche. Fast gewöhnlich deshalb, da bei einem genauerem Hinsehen die großzügige, 42 m² umfassende Photovoltaikanlage und der Stellplatz mit dem Elektroauto als Unterscheidungsmerkmal zu den Nachbarhäusern auffallen. „Das Besondere an unserem Haus sind nicht die Technologien an sich“, erklärt Dietmar Stricker, „sondern das Zusammenspiel und die Vereinigung zu einem großen Ganzen“. Jeder Beteiligte der Arbeitsgruppe habe sich mit einem „Puzzlestück“ eingebracht, das schließlich zu einem Gesamtbild wurde.


Von Elbe-Haus kam eine wärmedämmende Bodenplatte, die dem Haus sozusagen „warme Schuhe“ anzieht, sowie ein Beleuchtungskonzept mit LEDs und Bewegungsmeldern. Xella verbaute erstmals in Deutschland einen neuen Ytong- Dämmstein. Projektpartner Multitherm erstellte das Heizungs- und Belüftungssystem , Mitglied Multiwatt lieferte die Photovoltaikanlage und einen Lithium-Ionen-Speicher . Auf dem Markt würde diese Art Speicher momentan noch rund 40.000 Euro kosten. Zu viel, um für den durchschnittlichen Häuslebauer in Punkto Anschaffungspreis und Amortisationszeit eine attraktive Option zu sein. Doch die Beteiligten sind zuversichtlich, dass die Speicherpreise langfristig noch deutlich sinken werden.


Unterm Strich hat der Bau des Brieselanger Hauses mit ca. 270.000 Euro zu Buche geschlagen. 70.000 Euro davon konnten durch Fördergelder des Bundesforschungsministeriums gedeckt werden, was dem Maximalsatz der Förderung entspricht. Binnen zwei Jahren möchte Stricker jedoch in der Lage sein, ein vergleichbares Haus für unter 200.000 Euro anzubieten. Dann hätte er sein Ziel erreicht und wäre endgültig auf Augenhöhe mit den Baukosten für ein reguläres Einfamilienhaus.


Um dorthin zu kommen, werden während des zweijährigen Projektzeitraums in Brieselang noch zahlreiche Daten gesammelt und ausgewertet, die zentrale Fragen auf dem Weg zum Serienhaus beantworten sollen: Lohnt sich die Nutzung von Solarthermie? Ist ein Lithium-Ionen-Speicher wirtschaftlich, oder ist ein Bleiakku letztlich die sinnvollere beziehungsweise wirtschaftlichere Option?


Bei der Klärung dieser Fragen erhält die M1-Arbeitsgruppe tatkräftige Unterstützung von Familie Zeppan, den Bewohnern des Hauses. Die dreiköpfige Familie setzte sich im Elbe-Haus-Casting aus 70 Bewerbern durch und darf nun, der regelmäßigen Übermittlung der Verbrauchsdaten verpflichtet, zwei Jahre mietfrei im Brieselanger Haus wohnen. Auch das Elektroauto, das mit Solarenergie vom Dach des Carports „betankt“ wird, darf frei genutzt werden. Nach Ablauf des Zeitraums kann die Familie eine Kaufoption für das Haus wahrnehmen.


Der intensive Forschungs- und Entwicklungsaufwand, den die Projektpartner vor den Toren Berlins leisten, hat nicht zuletzt einen wirtschaftlichen Hintergrund. Die Ansprüche an Wohnhäuser wandeln sich. Markus Fahrenkrug, Geschäftsführer von Multiwatt, bringt die Situation anschaulich auf den Punkt: Er habe allein für seinen privaten Haushalt eine Energiekosten-Steigerung von 600 Prozent in weniger als 15 Jahren bilanziert. Viele Hausbesitzer hätten diese Kostenexplosion noch gar nicht realisiert, so Fahrenkrug. „Doch wenn wir weitere 15 Jahre weiterdenken, kommen wir am Thema Energie nicht mehr vorbei und es drängt sich die Frage auf: Was kostet mich dann ein neues Haus? Wie kann ich das überhaupt noch bezahlen?“


Mit dem M1-Haus möchte man der Antwort ein Stück näher kommen. „Wir haben nicht den Anspruch, später alles so zu machen wie jetzt in Brieselang“, betont Dieter Stricker dabei. „Wir möchten einfach zeigen, dass es geht – und man ein massiv gebautes unauffälliges Einfamilienhaus umsetzen kann, das mehr Energie erzeugt als verbraucht.“


Dass diesen Plus-Energie-Häusern die Zukunft gehört, davon ist Stricker überzeugt. „Wir haben zwar auch Passivhäuser im Angebot, doch diese werden letztendlich nur ein Zwischenschritt sein“, so das Urteil. Die Losung des eigenen Häuschens im Grünen wird dann endgültig zum eigenen grünen Häuschen.

 

von Lukas Kirchner


Fotos: Andreas Labes

Unter der Schirmherrschaft
von Sigmar Gabriel

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