Sieger Energiehaus des Jahres 2014

Saniert zum Plusenergiehaus, Darmstadt

Es ist ein Haus mit einem Grundriss und einer Zimmeranordnung, wie sie Zigtausende Male in der Nachkriegszeit gebaut wurden. Unspektakulär, Durchschnitt eben. Für Karsten Tichelmann und Frank Kramarczyk lag genau darin der Reiz: bei einem ganz gewöhnlichen Gebäude eine außergewöhnliche Sanierung vorzunehmen, energetisch und optisch. Das Resultat: Heute sticht das 1970 errichtete Haus hervor und erzeugt mehr Energie, als es benötigt.

Idyllisch sieht es aus, das Haus auf dem sanft geschwungenen Hügel des Darmstädter Vororts Mühltal. Doch alles, was in seinem Inneren passiert, wird aufmerksam im Berliner Regierungsviertel verfolgt, genauer gesagt im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. 

Vor zwei Jahren trug das noch die Worte „Bau“ und „Stadtentwicklung“ im Titel. Und das erklärt, warum sich jedermann auf der Webseite des Ministeriums die energetischen Daten des Hauses anschauen kann: Heizverbrauch, Warmwasser, Energiekosten für Beleuchtung und Elektrogeräte, Stromerzeugung der Photovoltaik-Anlage.

All dies ist Teil eines Monitoring-Programms, in dem bundesweit rund 20 Häuser aufge-nommen wurden. Was sie alle eint, ist der Anspruch, mehr Energie zu erzeugen, als zu verbrauchen, kurz: ein Plusenergiehaus zu sein. Was das Darmstädter Haus von allen anderen unterscheidet, ist, dass es kein Neubau ist, sondern 1970 gebaut wurde.

Eigentümer des Hauses ist Karsten Tichelmann, ein Fachmann für energetisches Bauen. Der studierte Ingenieur ist Architektur-Professor an der Technischen Universität Darmstadt, Vorstand im Förderverein der Bundesstiftung Baukultur, langjähriger Geschäftsführer der Versuchsanstalt für Holz- und Trockenbau sowie Mitinhaber eines Planungsbüros. In Asien arbeitete er im Anlagenbau, in den USA half er einem Kollegen, einen Wettbewerb zu gewinnen, indem er mit ihm ein Haus entwarf, das sich komplett mit eigenem Solarstrom versorgt.

Mit dem Umbau eines alten Hauses wollte Tichelmann kein Leuchtturmprojekt schaffen, sondern eine Blaupause für weitere Sanierungen. Deshalb wählte er einen Haustyp, der zwischen 1969 und 1978 allein in der Rhein-Main-Region rund 12.000-mal gebaut worden war. Es gab ihn alleinstehend und als Reihenhaus, auf ebenem Grund und in Hanglage, aber immer mit der gleichen Anordnung von Küche und Wohnräumen, der gleichen Integration der Garage ins Haus und der gleichen Fenstergröße.

Drei Wohnbaugesellschaften, denen Tichelmann das Projekt als Dienstleister anbot, winkten ab: zu hohes Risiko. Also kaufte er 2010 das 280.000 Euro teure Haus in Mühltal von seinem eigenen Geld. Er ließ die Elektrik erneuern, baute eine Fußbodenheizung ein und riss die Holzbalkendecke heraus, um die Sicht auf das Dach freizulegen, das wiederum mit insgesamt acht großen Panoramafenstern bestückt wurde. Das Tageslicht, das die nun fünf Meter hohen Räume durchflutet, spare Energiekosten, verbessere aber auch die Raumbehaglichkeit, betont Tichelmann. Denn sein Haus soll auch ästhetischen Ansprüchen gerecht werden. Darum verleihen nun dunkle Massivholzböden und graue Schieferspannplatten dem Gebäude eine elegante Schwarz-Weiß-Optik.

Neue Dämmstoffe und Drei-Scheiben-Fenster verringerten den Wärmeverlust um 80 Pro-zent. 100 Quadratmeter Photovoltaik-Paneele im Dach erzielen eine Nennleistung von 12,6 Kilowatt-Peak. Geheizt wird in Zukunft mit einer strombetriebenen Luft-Wasser-Wärmepumpe. Und weil die Pumpe wesentlich weniger Platz benötigt als der alte Öltank, gewann Tichelmann obendrein 20 Quadratmeter Wohnfläche hinzu – bei einem Flächen-Quadratmeterpreis von 3000 Euro in der Region auch ein finanziell wichtiger Aspekt.

Rund 350.000 Euro kosteten Planung und Umbau. Dafür verbraucht das Haus, in dem in den 40 Jahren zuvor rund 210.000 Liter Erdöl verheizt wurden, nun jährlich nur 9632 Kilowattstunden Strom – während seine Photovoltaik-Anlage 12.756 Kilowattstunden produziert. Wer es nicht glaubt, kann gern in Berlin nachfragen.

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