MicroMAX

Nominiert – Fortbewegungsmittel des Jahres 2013

MicroMAX

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Frank M. Rinderknecht erfand in den 80ern die „Tastatur für das Lenkrad“. Die jüngste Idee des Schweizer Visionärs: Der MicroMAX. Ein Auto, so lang wie ein Mini (3,7 Meter), das mit Stehsitzen ausgestattet ist und so Platz bietet für vier Personen und Kinderwagen oder Rollstühle. Angetrieben von einem Elektromotor mit bis zu 100 Kilometer Reichweite will Rinderknecht eine urbane Alternative bieten und die Minibusse via Schwarmintelligenz miteinander verküpfen.

Frank M. Rinderknecht weiß, dass der Grat zwischen Visionär und Spinner ein schmaler ist. „You may say that I’m a dreamer“ zitiert der 57-Jährige auf seiner Homepage aus dem Beatles-Song „Imagine“. In den vergangenen Jahren hat der Schweizer mit seinen gewagten Fahrzeug-Designs immer wieder für Aufsehen gesorgt – öfters auch mit nachhaltigen Auswirkungen auf die Branche. Seine in den 80er Jahren präsentierte „Tastatur fürs Lenkrad“ galt damals als revolutionär. Heute, so Rinderknecht, sei sie Standard.

Im März 2013, auf dem jüngsten Autosalon in Genf, hat der Vordenker für Mobilitätskonzepte seinen neuesten Prototypen präsentiert: den microMAX. Die Idee dahinter: Ein Auto mit der Länge eines Individualfahrzeuges wird technisch und platzmäßig so ausgestattet, dass der Fahrer mühelos mehrere Leute mitnehmen kann, die in dieselbe Richtung wollen.  

Konkret sieht das so aus: Der microMAX ist nur so lang wie ein Mini (3,7 m), dafür aber fast doppelt so hoch (2,2 m). Er ist mit Stehsitzen ausgestattet, so dass neben vier Personen auch ungefaltete Kinder- und Einkaufswagen oder Rollstühle Platz finden. Das großzügige Raumambiente dieser „Kleinbus-Kathedrale“ soll auch Berührungsängste unterschiedlicher Mitfahrer reduzieren. „Wir wollten bewusst weg vom klassischen Mief des öffentlichen Personennahverkehrs“, sagt Rinderknecht über die angestrebte Lounge-Atmosphäre im microMAX.

Das Auto ist vor allem für urbane Gebiete gedacht. Antriebstechnisch läuft es deshalb mit einem Elektromotor, dessen Batterie eine Reichweite von 80-100 km ermöglicht und auf eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 95 km/h kommt. Das Herz des Mitfahr-Systems ist wiederum eine neue „App“ und Internetplattform. Dort werden die Standorte der Fahrzeuges dargestellt; bei anderen microMAX, die gerade unterwegs oder vor einem Fahrtantritt sind, zudem das Fahrtziel. Interessierte Mitfahrer können sich wiederum über ihr Smartphone registrieren und einloggen, womit auch deren Standort lokalisiert werden kann. Je höher die Zahl an Fahrzeugen und interessierten Nutzern, umso größer die Wahrscheinlichkeit für eine gute Mitfahrgelegenheit und Erstellung effizienter Fahrtrouten und Umsteigegelegenheiten – ein klassischer Fall von „Schwarm-Intelligenz“.

Rinderknecht und seine Firma Rinspeed haben den microMAX für eine bedienerfreundliche Technikplattform mit 19-Zoll großen HD-Touchscreens ausstatten lassen, die von der Firma Harman stammt, einem Hersteller von Multimedia-Systemen. Das System von Harman kann  mittels Cloud-Technologie direkt im Kleinbus auf alle Daten und Anfragen zugreifen – und der Fahrer entsprechend reagieren. Um das Kassieren einer Mitfahrgebühr muss er sich hingegen nicht kümmern, denn bezahlt wird über das Smartphone, bei dem sich das System mit Hilfe des drahtlosen Übertragungsstandards Near Field Communication beim Ein- und Aussteigen die individuellen Daten des Mitfahrers holt und dann via Mobile Payment abrechnet. Schon vorab beim Bestellen bekommt der Nutzer allerdings eine Preisorientierung genannt.

Mit dem microMAX möchte Rinderknecht auf mehrere Mega-Trends reagieren: die Tatsache, dass immer mehr Menschen in Städten wohnen, viele davon aber ein Auto nur für sich selbst als unnütz ansehen. Die Tendenz von Großstädten wie London, ihre Innenstädte mit Maut-Systemen für reguläre Fahrzeuge schwer zugänglich zu machen. Und: den demografischen Wandel, der dafür sorgt, dass die Zahl der älteren Menschen in Zukunft stark zunimmt – Menschen, die vielleicht nicht mehr selbst fahren, aber trotzdem mobil bleiben wollen.
 
Da der microMAX eine Mischung aus Privatauto mit Mitfahr-Technologie, Taxi und Kleinbus ist, kommen auch entsprechend viele Käuferschichten in Betracht: Privatpersonen, die ihr Fahrzeug auf diese Weise besser nutzen und sich etwas dazuverdienen wollen. Kommunen, die damit ein flexibleres öffentliches Verkehrssystem testen können. Firmen, die so Fahrgemeinschaften ihrer pendelnden Mitarbeiter leichter machen wollen.  

Ob und in welcher Form das Konzeptfahrzeug jemals in Serie geht, bleibt offen. Rinderknecht geht es vor allem darum, möglichst viele seiner Komponenten und Ideen umgesetzt zu sehen. Auf erste Resonanz ist das neuartige Fahrzeug mit üppigem Platz und üppiger IT bereits gestoßen. Laut Steffen Gänzle, Principal bei der Unternehmensberatung A. T. Kearney und Autor einer Machbarkeitsstudie über den microMAX, kann sich die brasilianische Regierung vorstellen, den microMAX in der Region von Sao Paulo einsetzen, einer Mega-Metropole mit großen Verkehrsproblemen.
In drei bis fünf Jahren, schätzt Berater Gänzle, werden ähnliche Gefährte wie der microMAX auf der Straße zu sehen sein. Die Sicherheitszulassungen für das Konzeptauto laufen schon – auch für die Stehsitze, die aus verkehrsrechtlicher Sicht kein Problem darstellen sollten. „Im Bus steht man ja auch“, sagt Gänzle.

von Jennifer Lachman


Fotos: Nik Hunger