TimberTower

Nominiert – Energie-Startup des Jahres 2013

TimberTower

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TimberTower baut Holztürme für Windkraftanlagen der Multimegawattklasse als Alternative zu Stahl- und Betontürmen. Es geht dabei nicht allein um ökonomische Vorteile für Anlagenhersteller und Projektentwickler. Holz ermöglicht neben höheren Nabenhöhen bei vorhersehbaren Preisen eine längere Lebensdauer, ist ein umweltfreundlicher und nachwachsender Rohstoff, einfach rückbaubar und hat geringe Transportkosten.

Sie machen die Energiewende meilenweit sichtbar: Windräder. An ihren Anblick haben wir uns längst gewöhnt. Für Laien erscheint deshalb das Windrad an der Anschlussstelle Garbsen auf der A2 bei Hannover wenig bemerkenswert. Es dreht sich halt gemächlich, wie jedes andere. Doch das 100 Meter hohe Windrad ist alles andere als gewöhnlich. Im Gegensatz zu seinen omnipräsenten Pendants ist der Turm des Windrades nicht aus Stahl und Stahlbeton gefertigt, sondern aus Holz. Um genau zu sein: aus 56 ineinander verklebten Platten. Hinter der Konstruktion steht auch kein etablierter Windanlagenbauer, sondern ein niedersächsisches Startup: TimberTower.

Holz als primärer Baustoff für Windräder: Lässt sich damit eine ernsthafte Konkurrenz zum bewährten Beton und Stahlrohrtürmen aufbauen? Die Gründer sind davon überzeugt – und verweisen darauf, dass Türme aus Stahl und Beton mit der steigenden Höhe von Windrädern an Grenzen stößt. Holz könnte sich deshalb in Zukunft als der bessere, weil flexiblere Baustoff erweisen. 

Gregor Pass, einer der Geschäftsführer von TimberTower, kennt Türme für Windräder aus dem Effeff. Der Bauingenieur arbeitete vor der Gründung als Statiker im Windanlagenbau. Dort gilt die Faustregel: Je höher die Nabe des Windrads, desto mehr Ertrag.  Mit dem Streben nach Höhe treten bei der Planung der Stahl und Betontürme jedoch verstärkt Probleme auf. Größte Herausforderung sind die explodierenden Kosten für den Zusammenbau die überproportional in die Höhe schießen, je größer die zu transportierenden Komponenten werden.  

Der Grund dafür ist technischer Natur und liegt daran, dass höhere Türme einen größeren Turmfußdurchmesser brauchen. Bei konventionellen Stahlrohrtürmen bedeutet dies, dass ein Durchmesser von 4.20 Meter nicht überschritten werden kann. Das führt dazu, dass sich aufgrund der Transportproblematik keine Türme über 120 Meter wirtschaftlich bauen lassen.

TimberTower kann auf solche Schwertransporte hingegen vollständig verzichten, da der Holzturm in Modulen angeliefert und vor Ort zusammengebaut wird. Dadurch, so die Gründer, könne man höhere und somit ertragreichere Türme anbieten als die Konkurrenz. „Holz hat sich hierfür als das perfekte Material erwiesen“, findet Pass. Zudem sei der Rohstoff eine umweltfreundliche Alternative, ergänzt sein Gründerkollege Holger Giebel. Zum Vergleich: Bei der Produktion eines 300 Tonnen schweren Stahlturms werden etwa 400 Tonnen CO2 frei. Beim Holz als Primärbaustoff hingegen wird  CO2 sogar gebunden.

Als die ersten Konzepte für ein Windrad mit einem Holzturm vor fünf Jahren erarbeitet wurden, hegten viele Beobachter Zweifel an der Stabilität einer solchen Konstruktion. „Einen Turm aus Holz zu bauen, hielten wir anfangs selber für eine etwas ‚spinnerte‘ Idee“, räumt auch Gründer Giebel ein. Mit dem Prototyp bei der Autobahn A2 scheint der Stabilitätsbeweis erbracht. Doch ein solide konstruierter Turm reicht nicht für ein Geschäft, auch die Wirtschaftlichkeit muss stimmen. Windräder auf Gittertürmen ähnlich eines Strommasten beispielsweise sind wieder vom Markt verschwunden, weil sich die unzähligen Verschraubungen als zu wartungsintensiv erwiesen. Generell sind die regulären Betriebskosten von Windkraftanlagen hoch: Sie vernichten bis zu 30 Prozent der Anlagenerträge.

Auch hier glauben die Macher von TimberTower an einen Vorteil durch Holz und verweisen dabei auf die Messergebnisse an ihrem 1,5 Megawatt starken Prototypen , der mit seiner Leistung etwa 1000 Haushalte mit Strom versorgen kann. Die Werte stimmen die Gründer äußerst zuversichtlich. „Wir haben beobachtet, dass das Holz den Schall und die Vibrationen des Turms um 15 bis 30 Prozent dämpft“, erläutert Giebel. „Das würde nicht nur einen leiseren Betrieb, sondern auch eine signifikante Verlängerung der Lebensdauer der Anlage mit sich führen.“ Momentan würden Windradhersteller die Lebenserwartung ihrer Anlagen mit 25 bis 30 Jahren angeben. In der Praxis kalkuliere man jedoch mit lediglich 20 Jahren. „Harte“ Erfahrungswerte habe man mit dem im Dezember 2012 unter dem Beisein von Bundesumweltminister Altmaier in Betrieb gegangenen Prototypen  natürlich noch nicht. „Letztlich muss es uns gelingen, Vertrauen im Markt schaffen. Wenn wir sagen, dass unsere Türme besser sind als die derzeitige Konkurrenz, ist das heute noch eine Vertrauenssache“, räumt Giebel ein.

Gelungen ist es den Gründern bereits, die bürokratischen Hürden für den Bau des Prototyps zu überwinden. „Das Genehmigungsverfahren für einen neuen Windturm ähnelt dem für eine Mondrakete“, seufzt Giebel und legt die Stirn in Falten. Hier liegt laut Giebel der Grund, warum es fast fünf Jahre dauerte, bis aus der Idee ein fertiger Turm wurde. „Das hat uns lange zurückgeworfen“, so Giebel. Dass die Gründer diese „Durststrecke“ überstanden haben, verdanken sie ihren Geldgebern: Hauptinvestor ist Edwin Kohl, der Kohl Pharma aufbaute und sich mittlerweile als Mäzen im Green-Tech-Sektor engagiert. Zu den ursprünglichen Geldgebern von TimberTower gehörten auch der Hannover Innovations Fonds  sowie Ex-Repower-Chef Klaus-Detlef Wulf.

Nach angelaufenen Entwicklungskosten von knapp 4 Mio. Euro steht das Startup nun vor der Vermarktung seiner Holztürme. „Wir sind endlich erstmals soweit, die Serienproduktion anzupeilen“, sagt Giebel. Derzeit entwickelt TimberTower mit der italienischen Firma Leitwind und dem deutschen Unternehmen Vensys jeweils einen 140 Meter hohen Turm, die 2014 gebaut werden sollen. Für 2015 peilt das Gründerteam den Break-Even an, bis 2016 sollen 100 Holztürme gebaut werden. Die Gründer entwickeln derzeit eigene Standorte und führen intensive Gespräche mit Anlagenherstellern, die den Turm in Lizenz bauen könnten. Für die beginnende Serienproduktion konnte bereits der schwedisch-finnischen Holzkonzern StorerEnso gewonnen werden.  Anfragen erhalten die Gründer auch von Waldbesitzern, die davon träumen, ihre eigenen Bäume zu einem Windturm zu verarbeiten.

Bleibt die Frage nach den Anschaffungskosten: Die Gründer von TimberTower glauben, dass sie mit herkömmlichen Stahl- und Betontürmen bereits heute preislich mithalten können – mit Preisen zwischen 500.000 und 700.000 Euro inklusive Fundament.   

Der Holzturm, der es mit den „Großen“ aufnimmt – er soll hingegen alles andere als Träumerei sein. „Wir haben unser Konzept seit Jahren entwickelt und optimiert. Wir haben inzwischen großes Know-How bis ins Detail, etwa in Ermüdungsfragen, und halten viele Patente“ sagt Holger Giebel. „Unser Ansatz ist deutlich weniger trivial als er aussieht“.

von Lukas Kirchner


Fotos: Christian Burkert